Die latent Böse
28. August 2009Ach, was war sie immer NETT. SOOOO NETT. Ungefähr, wie ein knuffiges, fluffiges mit buntem Konditoren-Konfetti überstreutes kleines Zuckerbaiser in knallrosa. SO harmlos und so NETT. Ich hasse nett. Ich frage mich immer: Was steckt hinter NETT, was ich nicht sehen soll??? Ich habe Angst vor NETT. Nett ist nämlich alles, aber nicht nett. Braucht nur einen Anlass, in der Regel ist er klein, kleiner als man immer annehmen möchte und das ganze süße, nette Konfetti bröckelt ab… Unappetitlich.
Sie kümmerte sich ungefragt und ungebeten um ALLES. Außer um das Einzige, was sie was angegangen wäre und was sie unter Kontrolle hatte: sich selber. Sie war wohl irgendwie auf der Flucht vor sich selbst und daher ständig im Leben von anderen verheddert, da war es wohl irgendwie sicherer… Hell knows.
„Ist der Platz so gut – zieht es auch nicht – ziehen Sie doch die Jacke an – ist es auch nicht zu kalt – nicht dass Sie Verspannungen bekommen – wollen wir den Platz tauschen – mir macht es nichts aus – wollen wir fragen, ob man das irgendwie zuziehen kann – schauen Sie mal den Hebel da unten, vielleicht kriegen sie den zu fassen und können die Tür etwas vorziehen – ach, da liegt Ihre Tasche, passen sie bloß drauf auf – soll ich die hier bei mir hinstellen – nicht dass jemand dann drüber fällt – wären Sie lieber drüben – oder zum Italiener rüber – wollen Sie vielleicht woanders sitzen – da vielleicht – oder besser da – soll ich mal fragen – hallo, entschuldigen Sie, können wir uns vielleicht eventuell bitte da drüben hinsetzen, der Dame ist es zu kalt am Fenster… ist es doch, nicht wahr… geht das…?“
Ich saß innerlich atemlos und äußerlich immer gereizter werdend in ihrem Schwall und sah ihr zu, wie sich sich permanent um sich selber drehte und dabei so tat, als drehe sie sich fürsorglichst um mich. BAH. Innerhalb der ersten 10 Minuten fiel ich somit das erste Mal in Ungnade. Ich sagte ihr nämlich, dass ich ihre Anteilnahme an meinem Schicksal zu schätzen wisse, aber aus Gründen der Effizienz darum bitten muss, mein Wohlbefinden in meinen eigenen Händen zu belassen. Ich erklärte ihr, dass ich seit über 40 Jahren mit querbelüfteten Zimmern zu tun hatte und mich bestens auf etwaige gesundheitliche Risiken einschätzen könne. Und dass sie mir bitte vertraue, dass ich mich schon melde, wenn ich was bräuchte… Da war das Zuckerbaiser baff und mich wehte ein leichter Hauch von Limette an. Will sagen: sauer.
Ich fiel in den nächsten viereinhalb Minuten zum zweiten Mal in Ungnade (jetzt serienmäßig!) als sie sagte, sie hätte dies und jenes gesehen und hätte es mir fast mitgebracht, aber man wisse ja immer nicht… Ich dankte ihr für Ihre Gedanken an mich und klärte sie auf, dass ich generell von kleinen Mitbringseln nicht sehr angetan sei, weil ich in Geschmacksfragen sehr eigen wäre und auch nicht viel Platz für Schnickes hätte. Da war das Zuckerbaiser schon wieder baff und mich wehte ein durchdringenderer Hauch von Limette an. Dann blies es ihr glatt die Streusel vom Scheitel, also quasi, als ich sagte, dass ich im Nicht-wollen von Geschenken sehr informativ sei und daher auch drastisch, so dass ich es schon abgelehnt hatte ein bestimmtes Geschenk zu wollen. Das Zuckerbaiser sah aus, als wäre es soeben nass geworden. Man kann doch nicht – das geht doch nicht – was heißt denn das – unmöglich – also, hüst, ungewöhnlich – also noch nie gehört – man kann das doch annehmen und dann – naja, stille Ecke – oder weiter verschenken… Fand ich persönlich jetzt auch nicht besonders pietätvoll, aber ich war genervt von dem ganzen „MAN MACHT NICHT“… nein, als Zuckerbaiser macht man nicht. Ich schon. Aber ich bin auch kein Zuckerplätzchen, ich bin eine Senfgurke. Mit Lorbeer und alles. Und die kann sowas. Ich informierte sie, nicht ohne eine gewisse Lust an der Grausamkeit mittlerweile, wie ich zugeben muss, dass ich mir den miesen Geschmack von anderen Leuten nicht aufnötigen liesse und dass geschmacklose Geschenke eine Frage von mangelndem Interesse an der Person des Beschenkten sei. Das Baiser wechselte erst den Aggregatzustand von fest auf flüssig und dann rasch das Thema.
Dann fiel ich vollkommen in Ungnade. Sie fing schon wieder an sich um meine Seite des Tisches zu kümmern, das Glas stünde so nah am Rand und wenn das nun runterfiele… Aber sie dürfe ja nichts sagen, neinneinnein… Ich sagte etwas angepestet: „Haben Sie doch schon…“. Dann fing sie übergangslos wieder an eine lahmarschige, langatmige Geschichte in die nächste lahmarschige, langatmige Geschichte zu schachteln, ich sag nur Logorrhoe… Sie arbeitete sich zu einer Geschichte hin, in der irgendeine Katze grausam zu Tode gekommen war und ich unterbrach sie und sagte freundlich, dass ich derlei Geschichten nicht zu hören wünschte, weil ich die Eindrücke unter Umständen ein Leben lang nicht mehr loswürde.
Wo sie doch SO NETT war! Und SO bemüht um mein Wohl! Und SO fürsorglich! Da hätte man ja nun ohne weiteres denken können, sie freue sich, dass ich so gut auf mich und mein Seelenheil aufpasste. Aber SURPRISE! Das Gegenteil war der Fall! Sie wurde richtig stinkig – auch ganz offen. Was mir einfiele. Und das sei ja wohl – unmöglich, ja. Und so was mache MAN (der schon wieder) nicht und so was sei ihr ja nun noch nie passiert. Und weltfremd. Und hinter dem Mond. Und feige sei das, ja feige..!! Ich staunte über die kleine, böse, alte Frau da neben mir. Und ich sagte ihr nur noch, dass ich es weitaus besser fände, wenn ich ihr meine Grenzen zeitnah mitteile, als wenn ich ihr heimlich grollen würde, weil sie mich mit einer schrecklichen Geschichte belastet hätte, die ich nicht hatte hören wollen. Sie sah aus, als würde sie auf der besagten Limette herumkauen. Und ich sagte fazitär: „Lieber so – dann kann man sich drauf einstellen – und alles ist gut“ und sie pampte nach: „Oder auch nicht“. Und ich sagte, während ich dem Kellner zum zahlen winkte: „Ja, ganz richtig – oder auch nicht“…
Also NICHT in Ordnung. Naja. Sie wollte sich ja eigentlich zum Geschäft und den Produkten geäußert haben, das war dann wohl passé. Und richtig – eine Email später wusste ich auch schon in dürren Worten Bescheid, dass das alles nichts für sie war. ACH…. Es war wohl eher so, dass ICH nichts für sie war. Aber SIE war auch nichts für mich. Wie gesagt, ich hasse nett. Und nicht-nett, hasse ich noch viel mehr…